16. September 2026
Gewalt wird stärker, wenn niemand hinschaut
Gewalt an Frauen ist nie zufällig. Sie ist Ausdruck von Machtverhältnissen, von Kontrolle und von Strukturen, die Ungleichheit ermöglichen. Wenn Frauen mit Behinderungen von Gewalt betroffen sind, verschärfen sich diese Verhältnisse zusätzlich. Abhängigkeit, Isolation und gesellschaftliche Unsichtbarkeit kommen zusammen und machen Gewalt leichter möglich.
Dass die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» dieses Thema sichtbar macht, ist notwendig. Zu lange wurde über Gewalt an Frauen mit Behinderungen geschwiegen. Sichtbarkeit ist der erste Schritt, um Verantwortung zu übernehmen.
Politisch geschieht jedoch noch immer zu wenig. Der Bundesrat hält selbst fest, dass es in der Schweiz an grundlegenden Daten fehlt. Es gibt keine systematische Erhebung zu Gewalt an Menschen mit Behinderungen, keine klare Strategie und keine eindeutigen Zuständigkeiten. Wir wissen also nicht, wie viele Menschen betroffen sind oder wo Gewalt besonders häufig geschieht.
Stattdessen wird auf internationale Studien verwiesen. Diese zeigen klar, dass Menschen mit Behinderungen, insbesondere Frauen, deutlich häufiger Gewalt erleben. Für die Schweiz bleibt es bei einer Vermutung. Man geht davon aus, dass das Problem auch hier gross ist, entscheidet sich aber dagegen, es genau zu untersuchen. Dieses Nichtwissen ist kein Zufall. Wegschauen ist bequemer als hinschauen. Und genau darin liegt eine Form struktureller Gewalt.
Ein weiteres Problem sind die Bilder, die unsere Gesellschaft von Menschen mit Behinderungen hat. Sie werden oft als asexuell, unschuldig oder ausschliesslich als schutzbedürftig wahrgenommen. Diese Vorstellungen sind falsch und gefährlich. Sie führen dazu, dass Gewalt nicht erkannt wird, besonders in institutionellen Kontexten mit starken Abhängigkeiten.
Wer Sexualität und Selbstbestimmung nicht mitdenkt, erkennt auch Übergriffe nicht. Menschen mit Behinderungen haben Beziehungen, Wünsche und Verantwortung. Sie können Gewalt erfahren, und sie können handeln. Erst wenn wir diese Realität anerkennen, entstehen wirksame Prävention und echte Schutzstrukturen.
Weil politisch zu wenig passiert, braucht es gesellschaftlichen Druck. Gewalt ist kein Randthema. Sie betrifft uns alle. Wenn Frauenbewegung und Behindertenbewegung gemeinsam laut werden, kann daraus politischer Handlungsdruck entstehen.
Die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» gibt Menschen eine Stimme, die sonst kaum gehört werden. Sie hält ein Thema im öffentlichen Raum, das allzu schnell verdrängt wird. Veränderung beginnt dort, wo Wegschauen nicht mehr möglich ist.
Darum gilt es, laut zu bleiben. Gerade für jene, die es im Moment nicht sein können.
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